Hero Dolomiti 2018: Der erste Saisonhöhepunkt

Hero Dolomiti 2018: Der erste Saisonhöhepunkt

So, nun war es soweit. Das monatelange Training sollte nun im Ernstfall getestet werden. Der Saisonhöhepunkt  die Hero Dolomiti stand auf dem Programm. Ich hatte mich in meinem Jugendlichen Leichtsinn natürlich für die grosse Strecke angemeldet. Eckdaten: 86km und 4500hm. Das klingt im ersten Moment machbar. Ich hatte ja schon viele Touren jenseits der 80km Marke gefahren und ich hatte auch schon 3000hm an einem Tag gemacht. Aber erst nach genauem Nachdenken merke ich, dass 4500hm auf 85km „gedrückt“ doch etwas happig sein könnte.

Ankunft

In Wolkenstein angekommen merkt man sofort, dass dies eines der Highlights der Region ist. An allen Häusern hängen die Hero Fahnen, die Restaurants haben Hero Menüs und das ganze Dorf läuft mit den Hero Caps rum. Kein Wunder bei 5000 Startern ist das doch ein verdammt großer Anlass.

Umgehauen – oder besser gesagt erschlagen – hat mich die Landschaft. Unfassbar, wie gewaltig und gleichzeitig lieblich die Berge hier sind. Im unteren Teil alles saftig grün und Mitten drin die unglaublichen Felsmassive der Sellagruppe. Da ich schon am Donnerstag angereist bin, hatte ich den ganzen Freitag, um gemütlich die ersten Anstieg zu rollen. So jedenfalls hatte ich mir das gedacht. Aber schon auf den ersten Metern Richtung Dantercepies schwante mir Böses für Samstag. Hier gibt es nur Schotter und Anstiege jenseits der 15%…Jetzt wurde mir auch klar wie man 4500hm auf 85 km unterbringt: mit brutalen Steigungen.

Renntag

Das Wetter ist wie bestellt. Blauer Himmel, Temperaturen um 14 Grad und eine gestochen scharfe Sicht. Leider muss ich feststellen, dass ich im hintersten Block starte. Das bedeutet viel Verkehr berghoch und noch viel mehr bei der ersten Abfahrt. Obwohl die Blöcke in 20 Minuten Abstand starten, fahre ich den ersten Anstieg in dichtem Verkehr. Der Frust machte sich langsam breit. Ich habe gute Beine, muss aber ständig das Tempo wechseln, was unglaublich viele Körner kostet. Der Frustpegel steigt dann nochmals, als ich im letzten Abschnitt durch die vielen Vorfahren gezwungen bin zu Scheiben, weil keine Gasse für schnellere Biker gemacht wird.

Dann kommt die erste Abfahrt. Ein Angstgegner. Ich bin fahrtechnisch nicht top und mag es nicht, wenn es von „hinten drückt“. Doch heute solle es anders sein. Ich fliege förmlich über den Trail. Das Canyon hat zwar nur 100mm Federweg aber die sind enorm hilfreich. Die Abfahrt dauert nicht lange und schon finde ich mich wieder in einem happigen Anstieg. Wieder 800hm über Schotterpisten. Langsam schraube ich mich Position um Position nach vorn. Doch der Verkehr nimmt nicht ab. Ich fahre nun auf das Kurzstrecken-Feld auf und auf die 86er die eine Stunde vor mir gestartet sind. Und auch in diesem Anstieg muss ich einen grossen Tail schieben. Anstiege mit bis zu 25% Steigung kann ich auch mit 30er Kettenblatt vorne nicht über längere Zeit fahren.

Das kommt der Aufstieg zum Sourasass, wo das gesamte Feld bis auf vielleicht Alban Lakata schieben muss und zwar über eine Stunde. Meine Motivation ist jetzt im Keller. Die Waden tun vom vielen Schieben weh die Beine sind müde. Und wir sind „erst“ bei Kilometer 40  und 2000hm. Ich habe genug und suche mir in einer Pause auf Google Maps eine Exit-Strecke zurück nach Wolkenstein. Ich will aufhören. So ein Scheiss! Das ist nicht Mountainbiken sondern Trailschieben. So macht das keinen Spass. Aber soll ich tatsächlich nach dem ganzen Training im Winter jetzt einfach aufgeben? Ja. Und das soll auch das letzte Rennen sein! Das ist nicht mein Ding. Ich will nur noch Abenteuer-Biken. Kein sinnloses Quälen in einem Pulk von 5000 Biker. Nicht einmal für die wunderbare Landschaft habe ich Musse und Zeit. Das ist doch alles nur Scheisse.

Aber irgend eine Stimme im Inneren sagt mir: Du hast doch nicht den langen Weg bis hierher gemacht, um jetzt so aufzuhören. Mach noch einen Berg und guck dann nochmal.

Also quäle ich mich bis ganz oben auf das Prodoijoch. Dort gönne ich mir endlich einen Biber, den die Lädlifrau (kleiner Dorfladen bei uns im Quartier) extra für mich im Vorfeld bestellt hatte. Die Höhe macht sich jetzt sehr stark bemerkbar. Es fällt mir schwer die Lunge richtig mit Luft zu füllen. Doch nach den ersten vernichteten Tiefenmeter kommt mein Körper und mit ihm mein Geist wieder auf Touren. Und zwar richtig! Jetzt ist der Punkt erreicht, wo alles plötzlich geht. Der Körper hat sich darauf eingestellt, dass Maximum aus sich raus zu holen, der Kopf verbeisst sich nun in die Idee am Ziel unter 9 Stunden zu sein. Aber es stehen noch 3 Anstiege an. Auch diese muss ich zum Tiel schieben weil mir die Kraft fehlt die unglaublichen Steigungen um 18% über längere Zeit im Sattel zu meistern.

Ziel

Auf den letzten 20 Kilometer ist der Körper nur noch auf „all in“ eingestellt. Ich rase förmlich auf Wolkenstein zu. Die Italiener haben Sinn für Inszenierungen. Das Ziel ist unmittelbar am Ende eines Singletrails, der sich am Hang über dem Dorf sichtbar für alle runter schlängelt. Überholen unmöglich. Und so kommt jeder Fahrer alleine ins Ziel, hat diesen Moment und den Jubel der Menge ganz für sich. Ich bin erstaunt wieviele Leute noch im Zielraum jubeln als ich ankomme. Ich meine ich bin 4 Stunden nach dem ersten im Ziel….

Im Zielraum übermannen mich dann die Gefühle. Sogar ein paar Tränen bahnen sich den Weg frei. Ich habe diesen Husarenritt tatsächlich geschafft. Ich habe mich selbst überwunden meine Psyche überlistet und war im Ziel!. Und wenn dann noch der Sprecher ruft: „Elam you are a hero“, dann fühlst du dich genau so! So sehr ich während des Rennens mir eingeredet habe, es sei das letzet Renen überhaupt, so sehr möchte ich nächstes Jahr wieder starten.

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